Wie sein Vater Konrad kommt Fritz Glatz plötzlich ums Leben. Mit nicht einmal 59 Jahren stirbt er bei einem Autounfall.
Firmengeschichte
Erfolgreiche Beziehungen und langjährige Partnerschaften haben die gesamte Geschichte der Firma Glatz geprägt. Die Geschäftsbereiche sind historisch gewachsen. Zwei Weltkriege hat das Unternehmen überstanden, Strukturänderungen im Agrarhandel wie auch im Lebensmittelhandel mitgemacht. Die Familie Glatz hat in diesen bewegten Zeiten ein Traditionsunternehmen aufgebaut und zu einer fixen Größe in Österreich geführt. Heute ist man ein führender privater Agrargroßhändler im Getreide- und Düngemittelbereich und ein wichtiger Handelspartner für den Lebensmittelhandel und die -industrie.
Vierte Generation
Jakob Glatz 2002 – heute
Mit nur 24 Jahren übernimmt Jakob Glatz die Führung des Familienunternehmens und führt es Schritt für Schritt aus der traditionellen Agrarwelt in eine markengetriebene Zukunft.
In den frühen 2000er-Jahren erweitert Glatz sein Geschäft durch gezielte Aktivitäten im Gartenbau, der Düngemittellogistik und dem Getreidehandel in Österreich, Italien und Polen. Tochtergesellschaften wie Fertlogistik sowie die Beteiligung an der Agrar-Speicher-Betriebs-Gesellschaft stärken das internationale Agrar- und Logistiknetzwerk. Gleichzeitig wird die Markenkompetenz im Lebensmittelbereich ausgebaut: Erste Eigenmarken werden gelistet, neue Vertriebsgesellschaften gegründet, und durch den Erwerb des Konserven- und Reisgeschäfts von F. Url 2013 wird das Markenportfolio gezielt verbreitert.
2016 folgt ein Meilenstein der heutigen Glatz-Identität: Der Kauf der traditionsreichen portugiesischen Manufaktur Pinhais, Produzentin der ikonischen Nuri Sardinen. Damit sichert Glatz nicht nur den Fortbestand einer Kultmarke, sondern steigt erstmals direkt in Produktion und Premium-Lebensmittelhandwerk ein – ein strategischer Schritt Richtung Markenhaus.
2018 strukturiert sich die Gruppe umfassend neu: Silos in Marchfeld und Burgenland werden verkauft, die ungarischen Gesellschaften verschmolzen, und Glatz richtet seine Organisation stärker auf Markenführung und internationale Lebensmittel aus.
Während der Covid-Jahre 2020-2022 setzt Glatz bewusst auf Modernisierung: Das Büro wird vollständig neugestaltet, die Digitalisierung massiv vorangetrieben und die Voraussetzungen für ein skalierbares, internationales Markengeschäft geschaffen.
Mit dem Marken- und Firmenausbau beginnt eine weitere transformierende Phase des heutigen Glatz-Markenhauses:
- 2021 Integration der 10 Jahre zuvor erworbenen Markenagentur Olivier mit Fokus auf Süßwaren in die Vertriebs-Struktur der Glatz GmbH.
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2022 Markenakquise „Marilussys“ – Führende Erdnussbutter-Marke in Ungarn.
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Mitte 2022 Unternehmensakquise Olasagasti inklusive der Marken Olasagasti und Orlando – der Eintritt in die italienisch/spanische Fisch-Delikatessenproduktion und die Erweiterung des Premium-Portfolios für den globalen Markt.
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2024 Gründung der E-Commerce Plattform „The Timeless Tin“ und Aufbau einer internationalen Direct-to-Consumer-Plattform.
- Mitte 2025 erfolgt schließlich ein weiterer strategischer Schritt:
Glatz trennt sich vollständig von den verbleibenden Rohstoff- und Agrarhandelsdivisionen und fokussiert sich zu 100 % auf den Lebensmittel-Markenbereich – ein mutiger, konsequenter und zukunftsgerichteter Wandel.
Mit diesen Schritten entwickelt sich Glatz vom breit diversifizierten Handelshaus zum spezialisierten europäischen Markenhaus für hochwertige Lebensmittel mit eigener Produktion, klarer Markenstrategie und globalem Anspruch.
Dritte Generation
Fritz Glatz 1971-2002
Früher als geplant übernimmt Konrad Glatz‘ Sohn Fritz nach dem Unfalltod von Konrad mit 28 Jahren die Leitung des Hauses. Er ist jedoch darauf vorbereitet. Seit 1968 ist der junge Mann an der Seite seines Vaters bei Glatz tätig.
Im Wiener Donauhafen Albern beginnt Glatz mit einer gebrauchten Verpackungsmaschine, die en gros importierte Handelsware en détail zu verpacken und als Großhändler weiterzuverkaufen. Ab 1977 beginnt Glatz in Korneuburg Lebensmittel in einer eigens dafür gebauten Halle zu paketieren: Haselnüsse aus der Türkei, Rosinen aus Griechenland, Mohn aus Ungarn und der damaligen Tschechoslowakei, außerdem Mandeln, Reis und Kokos. Bald laufen in Korneuburg drei große Verpackungsmaschinen.
In der Ära Fritz Glatz entwickelt sich die Lebensmittelsparte zum Markenartikler. Mit Nuri und Delamaris hat Glatz bereits Erfahrung in der Entwicklung und Pflege von Marken gesammelt. Auch die Erwartungen und Ansprüche der großen Handelsketten hinsichtlich Logistik sind dem Handelshaus nicht fremd.
Die Lebensmittelsparte entwickelt sich ausgesprochen positiv. Dank der florierenden Geschäfte trägt sie maßgeblich zum Gesamterfolg von Glatz bei. Im großen Unterschied zur Agrarsparte ist Glatz nicht nur Rohstoffhändler, sondern auch Importeur und Logistiker von Artikeln, die für Konsumenten konfektioniert sind.
Ende der 1980er Jahre verändert sich das Geschäft in der Agrarsparte einmal mehr: 1988 erreichen die österreichischen Getreideexporte mit 1,2 Millionen Tonnen ihren Höchststand, um danach wegen des steigenden Anbaus von Alternativprodukten kontinuierlich zurückzugehen. Im Hause Glatz legt das Geschäft mit Futtermitteln und Proteinstoffen deutlich zu. Zehn Prozent des österreichischen Sojaschrot-Imports laufen über die Glatz-Zentrale in der Johannesgasse in Wien.
1994 wird Österreich Mitglied der Europäischen Union. Über Nacht löst die freie Marktwirtschaft das jahrzehntelang eingeübte Getreidegeschäft mit fixen Spannen und abgesteckten Revieren ab.
1996 erwirbt Glatz vom Düngemittelproduzenten Agrolinz den in Linz ansässigen Großhändler Hermann Oder KG. Als Landesprodukten- und Getreidegroßhändler ist Oder einer der Mitbewerber von Glatz, der darüber hinaus auch mit Torf, Substraten und Blumenerde handelt. Der Zukauf erweitert damit das Glatz‘sche Produktportfolio.
Die Verbindungen von Glatz nach Ungarn sind nie ganz abgerissen. 1998 beteiligt sich Glatz an der F. Glatz Kft. in Ungarn und lässt anno 2000 die Gründung des Landesproduktenhandels F. Glatz als Tochterunternehmen folgen.
Zweite Generation
Konrad Glatz 1934-1971
1945 Unmittelbar nach Kriegsende nützte die Firma den „Maria-Theresien-Berechtigungsschein“ zum Handel mit Waren aller Art. In der Not erfinderisch, handelt die Firma mit einer erstaunlichen Warenpalette. Sie reicht von Besen und Schuhpasta über Gugelhupf- und Marzipanmasse bis zu Flüssigseife und Nadeln.
Österreich leidet schwer unter den Kriegsfolgen. Für die Ausgabe von Mehl wird eine Mehlverteilungsstelle gegründet. Glatz bekommt die Organisation übertragen, die Durchführung besorgt die Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaft der Wiener Bäcker. Dazu muss eine komplizierte Bezugsscheinkartei aufgebaut und verwaltet werden. Gleichzeitig ist das Unternehmen auch für andere Lebensmittel zuständig.
1947 erhielt Ernst Weiner, damals erst 28 Jahre alt, in Anerkennung seiner Leistung und Loyalität die Einzelprokura. 1933 als Lehrling eingetreten, nahm er sofort nach dem Krieg die Geschicke der Firma in seine Hände und hat das Unternehmen erfolgreich durch die ersten Nachkriegsjahre geführt. 1949 erweitert sich die Führungsspitze zum Trio: Auch Chefbuchhalter Raimund Klotz wird zum Prokuristen ernannt. Er ist bereits seit 1915 Teil von Glatz und zählt zu den Urgesteinen.
Nach dem Auslaufen der Hilfslieferungen aus den USA ändert sich das Getreidegeschäft: Glatz beginnt nun, selbst Getreide zu importieren. Denn die Inlandsproduktion ist noch lange nicht groß genug, um den Bedarf zu decken, und das österreichische Getreide ist den industriell produzierten Sorten aus Übersee qualitativ unterlegen. Die Geschäfte mit den internationalen HochwasserGetreidegroßhändlern, vor allem in den USA und Kanada, laufen bei Glatz über die Auslandsabteilung. Bis zu 900.000 Tonnen Getreide jährlich importiert Österreich in den Nachkriegsjahren.
Zum Auslandsgeschäft kommt ein wachsendes Inlandsgeschäft dazu: Auch, weil die konkurrierenden Genossenschaften ihr Angebot verbreitern, dehnt Glatz die Geschäftsfelder aus. Das Unternehmen vertreibt nun auch Sojaschrot, Ölkuchen, Fisch- und Fleischmehl zur Tierfütterung, Düngemittel und zunehmende Mengen Saatgut.
Am 1. September 1950 lässt Glatz die „Agrar-Speicher-Betriebs-Gesellschaft m.b.H.“ ins Firmenbuch eintragen. Die neue Firma hat den Zweck, die unter sowjetischer Verwaltung stehenden Speichersilos Rhenus und Hansa im Donauhafen Wien-Albern zu betreiben. In den Speichern lagert Glatz die großen Getreidemengen ein, die aus Übersee kommen.
Paul Bruck aus Leopoldsdorf wird 1952 ein wichtiger strategischer Partner für Konrad Glatz: Mit dem Sohn einer Landesproduktenhändlerfamilie gründet er die Paul Bruck KG. Diese baut im Marchfeld und im nördlichen Burgenland 15 Standorte auf. Im Lauf der Jahre mehrt Glatz die Anteile an der gemeinsamen Firma, bis die Paul Bruck KG ganz ins Eigentum von Glatz übergeht.
Von Wien und Niederösterreich aus rollt Glatz den gesamten österreichischen Markt auf. Mit neu angestellten Vertretern kommt die Firma von einem neuen Bürostandort in Wels aus mit Mühlen und anderen Abnehmern bis Tirol hinein ins Geschäft. Auch der Süden Österreichs wird von Glatz-Vertretern in der Steiermark und in Kärnten systematisch und erfolgreich bearbeitet.
1960 und 1970 errichtet Glatz in Korneuburg direkt an der Donau zwei verkehrsgünstig gelegene Großsilos mit 40.000 Tonnen Lagervermögen.
In den 1960er Jahren entsteht eine eigene Abteilung für Trockenfrüchte, Reis und Konserven im Unternehmen, die in den 80er Jahren bereits ein Viertel des Gesamtumsatzes für sich verbuchen konnte.
Erste Generation
Friedrich Glatz 1892-1934
Friedrich Glatz beginnt mit 13 Jahren bereits als Praktikant bei der Elsö Budapesti Gözmalom Rt., der Ersten Budapester Dampfmühlen AG. Von Grund auf lernt er das Großhandelsgeschäft mit Getreide, Mehl und Mahlprodukten.
Es dauert nicht lange, bis er Aufgaben mit immer größerer Verantwortung übertragen bekommt. Bereits 1884 gründet Friedrich Glatz sein erstes eigenes Unternehmen. Er ist 27 Jahre jung. Acht Jahre lang betreibt er seine Handelsagentur in Budapest.
Als seine Eltern sterben, überschreibt Friedrich 1892 seine Firma dem elf Jahre älteren Bruder Georg, der seinerseits auf viel Erfahrung im Agrargeschäft zurückgreifen kann, und macht sich auf den Weg nach Wien.
1892 Am 13. Juli 1892 tätigt Friedrich Glatz in Wien die Gewerbeanmeldung für seine neue Unternehmung. „Friedrich Glatz, Handel mit Mahlprodukten“ heißt sie ganz prosaisch. Der Kundenkreis umfasste bald nicht nur die Klein- und Großhändler, sondern auch Bäcker, Landwirte und Gutsbetriebe. Ständige Vertreter an den Börseplätzen Budapest, Prag, Breslau, Brünn und Preßburg sowie ein Importgebiet von Ungarn, Italien und Rumänien belegen eindrucksvoll die erfolgreiche Entwicklung der Geschäftstätigkeiten des Gründers.
Neben den Büros ist die Wiener Börse das zweite Domizil von Glatz. Im riesigen Börsensaal wird werktags einmal täglich gehandelt, am Samstag sogar zweimal. Noch heute stehen bei Glatz zwei ihrer eigenen Börsenhandelstische. Sie erinnern an eine vergangene Zeit des Börsenhandels, zu der jedes an der Börse tätige Unternehmen einen eigenen Tisch mit Namensschild hat. Glatz ist hier tagein, tagaus mit sieben Händlern vertreten.
Boerse historisch 1914 Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges gehen Handel und Verkehr von Getreide, Mehl, Mahlprodukten und Futtermitteln auf die staatliche „Kriegs-Getreide-Verkehrsanstalt“ über. Friedrich Glatz übernimmt ehrenamtlich den Aufbau und die Leitung der Mehlabteilung. An die neue Behörde gehen nicht nur sämtliche Kaufverträge von Glatz über, sondern auch das gesamte Firmenpersonal.
1921 Nach dem Krieg kehrt Friedrich Glatz notgedrungen aus dem Ruhestand zurück und startet mit seinem Unternehmen einen Neuanfang. Der Großhandel mit Getreide, Mehl und Futtermitteln bleibt auch nach Kriegsende verstaatlicht. Erst 1921 gibt ihn die Republik langsam wieder frei. Da gehört Glatz zu den ersten der Branche, die wieder ins Geschäft einsteigen. Die Firma Glatz kehrt schrittweise zum Agrarprodukt- und Mahlguthandel zurück. Noch 1921 überträgt ihm die führende ungarische Concordia-Mühle erneut ihre Vertretung in Wien.
Der gestandene Kaufmann erkennt das Potenzial der Märkte in Übersee. Um sie erschließen zu können, drückt Friedrich Glatz mit 64 Jahren noch einmal die Schulbank und lernt Englisch. Sprachlich derart gerüstet, beginnt Glatz bald mit dem Import von Getreide aus Kanada und aus den USA.
Sein Sohn Konrad steigt nach der Handelsschule 1923 als 17-jähriger ins väterliche Unternehmen ein und erhält 1930 die Prokura übertragen.















